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Der folgende Fachartikel von Dagmar Trodler informiert uns über ein besonderes Gebiss, die Islandkandare als Stangenvariante mit Zungenfreiheit. Ein Gebiss, das inzwischen vermehrt bei Turnieren Verwendung findet und über dessen Wirkung man, gerade vor der beginnenden Turniersaison, unbedingt Bescheid wissen sollte. |
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Freiheit für die Isi-Zunge?
Seit einiger Zeit erfreut sich im Islandpferdesport ein aus der Versenkung aufgetauchtes Gebiß steigender Beliebtheit: die Islandkandare als Stangenvariante. Von einem isländischen Fachkritiker wurde sie als „Verkfæri dauðans - Werkzeug des Todes“ bezeichnet. Bei der Viergangprüfung des isländischen Meistaradeild trugen zwei Drittel aller Pferde diese Gebißform im Maul. Auffallend bei allen Pferden war die starre Kopfhaltung - keins der Pferde tanzte.
Die traditionelle „Islandkandare“ ist keine echte Kandare sondern ein sogenannte „Hebelstangentrense“. Diese seit der Römerzeit bekannte Gebißform ist nach Dr. Axel Gelbhaar definiert durch a) beweglich mit dem Gebiß verbundene Hebelbäume und b) einem gebrochenen Mundstück. Vor allem die in alle Richtungen beweglichen Hebelbäume und der nicht nennenswert vorhandene Oberbaum unterscheiden das Gebiß vom Pelham und von der echten Kandare. Das Pelham wird mit zwei Zügelpaaren benutzt - der eine Zügel bedient den Trensenring im Maulwinkel, der zweite Zügel den Unterbaum. Die echte Kandare - traditionell eine Stange mit starren Hebelbäumen in beide Richtungen - wird entweder mit Unterlegtrense (und zwei Zügelpaaren) bedient, oder „blank“ - und dann stets einhändig geritten. Gebißexperte Karl-Friedrich von Holleuffer identifiziert die bewegliche Seitenaufhängung der Islandkandare als Pumpgebißfunktion: das Pferd kann das Mundstück mit der Zunge anheben und im Maul plazieren - je nach Kopfhaltung wird so die Hebelfunktion variiert. Die Islandkandare ist also das Gebiß einer Arbeitsreitweise, welches größtmögliche Flexibilität und größtmögliche Schärfe in sich vereint.
[ Oben: Im Schädel eines Islandpferdes gut zu sehen, wie das Mundstück der Islandkandare auf Zunge, Lade und Maulwinkel einwirkt. Und nun tragen unsere Pferde eine Konstruktion im Maul, welche sich deutlich vom traditionellen Islandgebiß unterscheidet: die Hebelbäume sind nur noch horizontal beweglich und erlauben eine seitliche Manipulation gegen den Oberkiefer. Und das Mundstück ist nicht mehr gebrochen, sondern eine Stange mit erheblicher Zungenfreiheit in der Mitte.
Oben: So liegt die Zungenfreiheit bei angenommenem Zügel über der Zunge und drückt gegen das Knochendach des Gaumens. Was so „nett“ klingt, ist nach Messungen von Prof.Preuschoft von der Ruhruniversität Bochum gar nicht mehr nett: die sogenannte Zungenfreiheit trifft nämlich vor allem den empfindlichen Obergaumen, sobald man den Zügel annimmt. In Kombination mit der Kette bohrt sich der Metallbügel regelrecht in den Gaumen hinein. Damit wird über den Schmerz am Knochen ein wichtiges Kommunikationsmittel umgangen - die Zunge. Sie ist ein empfindsamer Muskel und trägt das Gebiß wie ein Polster, führt von Holleuffer aus. Als empfindsamstes Organ im Pferdemaul ist die Zunge daher besonders geeignet, mit der Reiterhand zu kommunizieren. Es könnte also alles sehr fein und leicht sein.
Oben: Bei angenommenem Zügel hebeln die Bäume die Zungenfreiheit gegen den Gaumen. Ergebnis: Das Pferd öffnet sein Maul, um dem Druckschmerz am Gaumen auszuweichen. Gegenmittel des Reiters: der Sperrriemen Wie das Foto erahnen lässt, ist Knochendruck die Sprache dieses Gebisses: die Zungenfreiheit drückt gegen den Obergaumen, die verschobenen Seitenteile drücken auf den empfindlichen Seiten des Kieferknochens. Vom Genick aus hebelt durch die Kinnkette der Unterbaum und schraubt den Pferdekopf zusammen. Das beliebte englisch-kombinierte Reithalfter drückt zusätzlich von vorn und von hinten. „Werkzeug des Todes“ trifft den Nagel auf den Kopf: der Islandpferdekopf sitzt im Schraubstock, weit entfernt von natürlich und losgelassen tanzend, wie die Pferde vom Meistaradeild eindrucksvoll demonstrierten. Macht unsere Reitweise solchen Terror notwendig? Folgt man den gängigen Gebißdefinitionen, hat man es bei der neuen Variante mit einer „blanken Kandare“ zu tun. Deren Kennzeichen - Stange, feste Hebelbäume, Kinnkette - sind in dem Modell alle erfüllt. Im Raum steht damit die Frage, warum dieses Gebiß nicht wie eine blanke Kandare einhändig geführt wird? Die Stange am Hebelbaum wurde in Kriegs- und Arbeitsreitweisen entwickelt, um einhändig ohne Verdrehung des Gebisses gleichmäßigen Druck auf das Pferdemaul auszuüben, erklärt Westerntrainer und Dysli-Schüler Christian Mayer. „Hat man die Hand dazu nicht, wirkt die Stange wie ein Flaschenöffner und kann Knochen brechen.“ Aus diesem Grund ist die blanke Stangenkandare für eine beidhändige Führung gänzlich ungeeignet: sie verkantet sich im Pferdegebiß. Ohne Sperrriemen genutzt würde schon die traditionelle Islandkandare das gern beschworene „Quentchen“ offenbaren: wieviel reiterliches Können nämlich wirklich hinter dem Zügel sitzt. Die isländische Stangenkandare in einhändiger Führung aber würde den wahren Meister vom Dilettanten unterscheiden. Heimlich im Maul versteckt ist sie nichts als ein Ausdruck reiterlicher Hilflosigkeit. Die FEIF und unsere Richter täten gut daran, bei künftigen Turnieren genauer hinzuschauen. Copyright für Text und Fotos: Dagmar Trodler
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